Imagination

Imagination steht am Anfang des Schaffensprozesses. Imagination heißt für mich sinnliche - nicht unbedingt aktuell gegenwärtige - innere Bilder mit meiner Vorstellungskraft zu entwickeln. Diese Phantasiebilder, gespeist von Träumen und Unbewusstem, sind für mich Angelpunkte meiner Kreativität.

 

Was prägt einen Menschen, was ist wichtig für ihn und was ist von Bedeutung für das Besondere eines Menschen, für sein Empfinden, das er etwas so und nicht anders wahrnimmt? Was stellt er sich vor? Was sieht er vor sich, wenn er entspannt ist und träumt? Woher kommen die Bilder?

 

„Imago“ lat. heißt schlicht „Bild“. In meinem Bild „Imagination“ zeige ich eine Frau, die in einem Spiegel ihr Abbild erblickt. Aber ist es wirklich sie selbst oder lediglich eine Vorstellung ihrer selbst?  Sich dazustellen, eine Rolle einzunehmen, sich von der besten Seite zu zeigen, sich zu schminken, zu verkleiden … all dies durchzieht Kulturen bis heute. Erste Spuren finden sich bereits bei den alten Ägyptern:  Mit kosmetischen Verschönerungen schmückte man sich, um der den „Göttern“  zu gleichen. Ein Abbild kann Trug- oder Traumbild sein, vermag eine Vorstellung zu verkörpern, die eigene oder auferlegte Vorstellung wie Frauen oder Männer sich zu geben haben. Die von mir gemalte gespiegelte Frau ist unbekleidet, somit zeit- und raumlos. Der hinter ihr gespiegelte Raum ist undefiniert. Er enthält nur ein Bild, auf dem ein Rückenakt zu sehen ist, diagonal aus dem Bild herausschwebend.

 

Was zählt? Was ist wichtig? Was bestimmt uns und unsere Imaginationen? Auf diese Fragen, gibt es keine einfachen Antworten. Ich spüre inneren Bildern und Vorbildern nach. Mir fallen Werke der Surrealisten ein, ein Bild von Salvador Dali  „Brennende Giraffe“, sicherlich unbewusst in meinem Kopf abgespeichert. Bei meiner Suche stoße ich auf die „vielfältigen Variationen der Kastenmännchen“ des Kupferstechers und italienischen Malers von Giovanni Battista Bracelli 1616 -1649, zu sehen in der National Gallery of Art, Washington DC.

 

Zunächst zeichne ich meine eigenen Imaginationen als Fächer und Schubladen zum Unbewussten.  Und es gibt viele davon! Ich stelle mir vor, dass jedes Erlebnis der Vergangenheit irgendwo liegt. Meine Aufgabe ist es nun, die Schubladen anzuordnen, sie in eine Bildstruktur münden zu lassen, die sich auch malerisch umsetzten lasst.  Ebenso wichtig ist es mir, die Kästen symbolhaft mit Inhalten zu füllen, wie Ei, Pferdchen, Papierschiffchen Schokolade, Blütenköpfe …

 

Ich male mir aus, dass Gefühle und Wünsche versteckt oder offen platziert sind. Manches Fach ist leichter zu öffnen als andere Fächer. Einige sind so verborgen, dass man sie gar nicht aufziehen kann. Andere wiederum hat man eigenmächtig mit einem Vorhängeschloss versehen: Besser nicht rangehen! So wird manche Verdrängung verschlossen, denn nicht alles ist schön, was da als  in einem schlummert.

 

Mit der Umsetzung meiner Betrachtungsweisen in Malerei und der Platzierung von Bildsymbolen geht die Entwicklung meiner Farbgebung einher, der Aufbau eines Hell-Dunkelkontrasts, das Ausarbeiten der Gegenstände sowie das Gestalten der Holzmaserung.

 

 

Es ist äußerst kompliziert, sich selbst eine Antwort darauf zu geben, was eigentlich zählt, was denn tatsächlich das individuelle Sosein im Laufe des Lebens geprägt hat. Um dieses Dilemma zu verdeutlichen, habe ich in meinem Bild den Rücken der Frau vor dem Spiegel mit den Schubkästen versehen. Ein weißer Mantel umgibt sie zusätzlich wie ein Bremsschild. An die eigenen Fächer selbst heranzukommen, ist äußerst problematisch, genauso schwierig wie das sich-erinnern, um wichtige Begebenheiten und damit verbundene Gefühle aufzuspüren.